Ein trauriger Sterntaler

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Ein trauriger SterntalerEin trauriger Sterntaler

Der 1. FC Köln und sein Trauma

Im doch so fernen Jahr 1965 schien die Fußballwelt noch in Ordnung, und zu mindestens würden sich die heutigen Fußballprofis an damals geltende Grundregeln erst gewöhnen müssen. Eine dieser Regeln scheint in die Vereinsgeschichte des 1. FC Köln eingebrannt zu sein, wie vieles, das heutzutage als Kuriosum gilt, aber genauso passiert ist. Eine dieser Geschichten, die man sich im „Geißbockheim“, dem Trainingszentrum und der Geschäftsstelle des FC, immer wieder erzählt, stammt eben aus dem denkwürdigen Jahr 1965 und handelt von dem schier unglaublichen Spiel um den Europapokal der Landesmeister, bei dem am 10. Februar der FC als amtierender Deutscher Meister von 1964 auf sein englisches Pendant, den FC Liverpool, traf. Die beiden Giganten des europäischen Fußballs hatten sich nichts zu schenken. Die Leistungsgewichte waren perfekt und gleichmäßig verteilt.

In Himmelsgewalten vergeigt

Und Petrus, der alte Spielverderber, schickte unmenschliche Nässe auf den Müngersdorfer Rasen, der sich morastig und vollständig aufgeweicht den Naturgewalten geschlagen geben musste. Das Hinspiel im Müngersdorfer Stadion endete schließlich torlos 0:0, wie auch das Rückspiel in Liverpool. Ratlosigkeit auf den Rängen, da die Fußballregeln und die Statuten das heute übliche Elfmeterschießen nach Verlängerung nicht vorsahen. So verständigte man sich auf ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden, den man in Rotterdam gefunden zu haben schien. Doch am Tag der Entscheidung, am 24. März, sollten sich auch in Holland die Gewichte nicht verschoben zu haben, zu mindestens sah dies der Unparteiische auf dem Platz so, denn er wollte das Siegtor des 1. FC Köln nicht anerkennen und plädierte statt dessen auf Abseits. Auch nach Verlängerung wollte sich ein Sieg weder für die eine, noch für die andere Mannschaft einstellen. Es standen für jeweils jedes Team zwei Tore auf der Anzeigetafel. Die sportlichen Leistungen der beiden Mannschaften sollten also nicht dazu beitragen, nun endlich diejenige zu ermitteln, die ins Halbfinale gegen den späteren Pokalsieger Inter Mailand einziehen sollte. Für diesen Fall jedoch sahen die Regeln ein völlig abstruses Vorgehen vor, bei dem die Glücksgöttin Fortuna den Ausgang eines Spiels bestimmen sollte.

Bedrohlicher Atemstillstand

Die Kölner und Liverpooler Fans im Rotterdamer Stadionrund hielten den Atem an, als die Münzen in der Hosentasche des Schiedsrichters auf dem Spielfeld bedrohlich klangen. Die Spannung stieg, und wer dieser beiden Mannschaften, die in den letzten drei vergangenen Spielen wirklich alles gegeben hatten, sollte nun als „Sieger“ und wer als „Verlierer“ vom Platz gehen? Die Münze flog wie ein trauriger Sterntaler aus der Hand des Schiedsrichters steil in den abendlichen Himmel Rotterdams. Vor ihrem inneren Auge verfolgten die Fans ihren Flug. Sie schien verzweifelt in die grauen Wolken eintauchen zu wollen, bevor sie dann kraftlos im freien Fall in Richtung des einer Kuhweide ähnelnden Spielfeldes herniederkam. Wer würde gleich jubeln und wer würde mit Tränen im Gesicht den Heimweg antreten? Kopf oder Zahl? Köln oder Liverpool? Der traurige Sterntaler bahnte sich seinen Weg unaufhaltsam durch die spannungsgeladene Luft. Niemand mehr hatte die Macht in den Händen, niemand mehr den goldenen Schuss auf den Füßen. Sekunden schienen eingefroren und zu Stunden zu mutieren. Die Münze stürzte herab und blieb nach einer Schrecksekunde senkrecht im morastigen und von Sturzbächen aufgeweichten Spielfeldquadrat stecken. Wenn die Nerven der Fans im Stadion schon zum Bersten gespannt waren, sollten sie jetzt eigentlich gerissen sein. Ein Wink des Himmels, der Glücksgöttin Fortuna, die sich wohl auch nicht entscheiden wollte, wer als Sieger vom Platz gehen sollte? Aber der Unparteiische schien wohl nicht sonderlich empfänglich für Göttersignale, denn er wollte eine Entscheidung, als ob sein Honorar davon abzuhängen schien. Jetzt und hier! Lass die Götter doch Götter sein! So warf er seine Münze nochmals, als Fortuna sich schon längst entschieden zu haben schien, ihre Schlafgemächer aufzusuchen, um sich von den Ereignissen in Köln, Liverpool und Rotterdam zu erholen. Sie hatte ihr Urteil gesprochen, aber der Schiedsrichter wollte in seiner Respektlosigkeit das Urteil erzwingen und nun selbst Fortuna spielen. Mit dem erneuten Wurf der Münze in den Himmel Rotterdams traf er seine Entscheidung und schickte den 1. FC Köln weinend nach Hause.

Narben bleiben – Der Rest ist Wunde

Die Tränen sind schon lange getrocknet. Salzig schmeckt das, was übrig blieb. Es ist der Geschmack des Trotzes. Jetzt erst recht! Wir stehen zum FC. So oder so. Ob Müngersdorf oder RheinEnergie. Ob verdient oder nicht. Frust kennt man da am Stadion nur bedingt. Ärger, na klar, aber nur kurz hält er an, wenn die Mannschaft mit dem Geißbock auf der Brust den Sieg schon greifbar in den Händen hält, es dann aber doch nur zu einem einzigen, mickrigen Punkt gereicht.
Und vielleicht mag man da oben auf den Rängen die Fortuna nicht so sehr wegen der ungerechten Geschehnisse von damals, 1965. Der FC und Fortuna scheinen so und wahrscheinlich deshalb überhaupt nicht zusammen zu passen.

David Stern

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